Was ist eine glokale Lieferkette?

Was ist eine glokale Lieferkette?

Dank raschen Fortschritten bei Kommunikations- und Informationstechnologien sind Hersteller heute in der Lage, wahrhaft global zu agieren, ihre Rohmaterialien dort zu beschaffen, wo dies am günstigsten und praktischsten ist, und ihre Kundenbasis international auszuweiten. Allerdings müssen Hersteller ihr Angebot auch an lokale Trends anpassen, vorhersagen, welche Artikel in einer bestimmten Region zukünftig stärker nachgefragt werden und ihre Lagerbestände entsprechend anpassen. Neil Ballinger, Vertriebsleiter für Europa bei EU Automation, erläutert die Vorteile einer global angelegten Lieferkette, die trotzdem auf lokale Nachfrage reagiert.

In unserer heutigen durch Konnektivität und Informationstechnologien geprägten Welt tendieren politische, wirtschaftliche und soziale Beziehungen ganz natürlich zu einer weltumspannenden Sichtweise, verweben sich miteinander und werden immer stärker voneinander abhängig. Und genau das ist das grundlegende Merkmal von Globalisierung. Dieser Begriff wurde erstmals in den 1980er Jahren im wirtschaftlichen Kontext benutzt und hat sich seit damals immer weiter und in anderen Zusammenhängen verbreitet.

Für die Fertigungsbranche hat die Globalisierung zahlreiche Vorteile gebracht, wie beispielsweise die Möglichkeit für einfachen Zugang zu technischem Wissen oder die Möglichkeit, von Ländern zu lernen, die in Bereichen wie Automatisierung und Digitalisierung eine Vorreiterrolle innehaben. Darüber hinaus ist es in einer globalisierten Welt einfacher, in Echtzeit mit Geschäftspartnern zu kommunizieren, egal, wo sich diese gerade befinden. Das ist ein klarer Vorteil für geschäftliche Transaktionen und hilft, Vertrauen zwischen Geschäftspartnern aufzubauen.

Einer der umstrittensten Aspekte der Globalisierung ist jedoch die Gefahr der Homogenisierung. In einer globalisierten Gesellschaft werden dieselben Güter oft in überaus verschiedenen Märkten produziert und vertrieben, und dabei wird wenig Augenmerk auf die Vorlieben und Gewohnheiten der unterschiedlichen Endkunden gelegt. Langfristig gesehen kann sich dies negativ auf den Absatz auswirken und verhindern, dass Unternehmen in einer bestimmten Region wirklich Fuß fassen.

Daher kursiert seit Kurzem ein neuer Begriff, der aufzeigt, dass Unternehmen durchaus global agieren und trotzdem gezielt auf die Besonderheiten regionaler Märkte eingehen können - willkommen im Zeitalter der Glokalisierung.

Global denken, lokal handeln

Der Übergang von Globalisierung zu Glokalisierung wurde durch mehrere Faktoren angetrieben. Zunächst hat sich in der jüngeren Vergangenheit immer deutlicher gezeigt, dass eine Nichtbeachtung lokaler Marktbedingungen sich negativ aufs Geschäft auswirken kann und zu Problemen im laufenden Betrieb und in der Lieferkette führt. Der zweite Grund für diese Transformation ist die gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit, die nationale und regionale Wirtschaft durch die lokale Beschaffung von Rohmaterialien zu unterstützen, was außerdem zu einer Optimierung der Lieferkette und zur Verringerung von Transportkosten beitragen kann.

Doch tatsächlich ist die Glokalisierung kein wirklich neues Konzept, denn internationale Konzerne waren schon immer dazu gezwungen, ihre Produktion an die lokale Nachfrage anzupassen. So müssen Automobilhersteller bei der Diversifikation ihres Angebots je nach Absatzmarkt schon seit jeher spezifische Vorschriften einhalten – ein offensichtlichen Beispiel dafür ist die Seite, auf der das Lenkrad eingebaut wird, und ob die Geschwindigkeitsanzeige Meilen oder Kilometer pro Stunde anzeigt.

Neu ist dabei nun der Einfluss, den glokale Geschäftsmodelle auf das Supply-Chain-Management haben, da Hersteller danach streben, eine Lieferkette zu etablieren, die global agiert und sich dennoch an die lokale Nachfrage anpasst.

Welchen Beitrag kann Automatisierung in diesem Kontext leisten?

Unternehmen benötigen Vertriebs- und Inventur-Managementsysteme, die in der Lage sind, Produkte auf globaler Ebene rück- bzw. nachzuverfolgen. Das bedeutet, dass unabhängig von der geographischen Lage über alle Instanzen der Wertschöpfungskette hinweg Transparenz gewährleistet wird. Allerdings müssen diese Systeme auch in der Lage sein, sich an lokale Trends anzupassen, indem sie die Nachfrage für bestimmte Artikel in bestimmten Regionen vorhersagen und die Lagerbestände entsprechend verwalten.

Um das für eine glokale Lieferkette erforderliche Niveau an Nachvollziehbarkeit und Flexibilität zu erreichen, müssen Daten zu Verbraucherverhalten in Echtzeit analysiert werden und es muss möglich sein, Artikel rasch dorthin zu transportieren, wo sie benötigt werden. Automatisierungstechnologien können dabei helfen, eine sogenannte kognitive Supply Chain zu schaffen, in der all diese komplexen Abläufe vollständig digitalisiert werden.

Ein Beispiel dafür liefert die antizipatorische Versandtechnologie von Amazon, die es diesem Logistikriesen ermöglicht, die Nachfrage basierend auf enormen Datenmengen vorherzusagen, die gesammelt werden, während Kunden auf der Seite des Unternehmens navigieren, Kontaktinformationen eingeben oder Bewertungen schreiben. Doch Amazon ist nicht das einzige Unternehmen, das seine Lagerbestände mithilfe von Automatisierung effizienter verwaltet.

Big Data, die große Herausforderung

Vollständig automatisierte – auch als kognitiv bezeichnete – Lieferketten könne sich perfekt in glokale Geschäftsmodelle integrieren und bieten eine ganze Reihe von Vorteilen. Trotzdem sind sie bisher noch nicht sehr weit verbreitet.

Eine der größten Herausforderungen, die es dabei zu überwinden gilt, ist die schlechte Qualität der Daten, die Herstellern zur Verfügung stehen. In einer Welt, in der sich die Verbrauchertrends mit immenser Geschwindigkeit ändern, ist ein historisch-statistischer Ansatz nicht länger ausreichend, um Nachfrageprognosen zu erstellen. Big Data kann bei der Modernisierung dieser Herangehensweise helfen, doch das ist nur der Fall, wenn die Daten ausreichend schnell verarbeitet werden können, damit eine Reaktion auf die raschen Veränderungen lokaler Märkte möglich ist.

Ein weiteres häufiges Problem ist die unzureichende Kommunikation zwischen den verschiedenen Knotenpunkten der Lieferkette. Knotenpunkte in verschiedenen geografischen Regionen verwenden möglicherweise unterschiedliche Systeme zur Unternehmensressourcenplanung (Enterprise Resource Planning, ERP), von Excel-Tabellen bis hin zu dutzenden verschiedenen unternehmenseigenen oder Open-Source-Softwarelösungen. Das betrifft vor allem Unternehmen, die durch Übernahmen gewachsen sind, was heute ein sehr gängiges Szenario darstellt.

Glücklicherweise sind intelligente Technologien in der Lage, Hersteller dabei zu unterstützen, einige dieser Herausforderungen zu überwinden. So ist es zum Beispiel möglich, eine übergeordnete Management-Lösung einzuführen, die Daten aus sämtlichen Quellen sammelt und analysiert, was die Probleme reduziert, die aufgrund der Unterschiede zwischen den verwendeten ERP-Systemen entstehen.

Zudem können Hersteller digitale Technologien nutzen, um ihre Unternehmen mit einer gewissen Reaktionsfähigkeit auf unerwartete Situationen auszustatten. So können zum Beispiel digitale Zwillinge („digital twinning“) eingesetzt werden, um problematische Situationen bei der Beschaffung und im Vertrieb zu testen, und es ist sogar möglich, mit Dummy-Daten zu arbeiten, um eine Reihe möglicher Szenarien zu entwerfen und sich anzusehen, wie die Lieferkette darauf reagieren würde. Auf diese Weise sind die Hersteller besser auf die Anforderungen einer Welt der sich rasch verändernden Marktbedingungen vorbereitet.

Durch die Überwindung der häufigsten Herausforderungen im Beschaffungsmanagement können Hersteller den Wandel von einer globalen auf eine glokale Ausrichtung erfolgreich vollziehen. Kognitive Supply Chains stellen einen essenziellen Schritt in diese Richtung dar, denn sie ermöglichen es Unternehmen, die Ansprüche und Bedürfnisse ihrer zunehmend diversifizierten Kundschaft zu erfüllen.

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