Innovation liegt oft so nahe

Innovation liegt oft so nahe

Mittel- und osteuropäische Länder sind in Ranglisten zur Führerschaft in Bereichen wie Innovation oder Digitalisierung eher selten in Spitzenpositionen zu finden, obwohl sie für einige bedeutende Erfindungen verantwortlich zeichnen. Unter anderem wurden das Insulin, moderne Kontaktlinsen, der Fallschirm und Skype in dieser Region erfunden, was das Potenzial von Osteuropa, wertvolle Beiträge zur Industrie der heutigen Zeit zu leisten, gut veranschaulicht. Doch ist diese Weltgegend auch bereit für die Innovationen der Industrie 4.0?

Momentan wird die Fertigungsindustrie durch technologische Fortschritte wie beispielsweise digitale Plattformen, Automatisierung und intelligente Materialien revolutioniert. Und auch auf die Globalisierung kann die Übernahme dieser Technologien weitreichende Auswirkungen haben. Hersteller können in künstliche Intelligenz (KI), mit dem Internet verbundene Geräte und andere Formen der Automatisierung investieren, um mit Unternehmen rund um den Globus zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren.

Durch die Übernahme von Technologien der Industrie 4.0 können aber auch die Länder profitieren, in denen diese Unternehmen ansässig sind, da dadurch neue Arbeitsplätze, bessere Dienstleistungen und neue Exportgelegenheiten entstehen. Manche Staaten, wie zum Beispiel Deutschland, Japan und die USA, haben von solchen fortschrittlichen Technologien bereits profitiert. In diesen Ländern wurden massive Investitionen in Bereiche wie Robotik, hochentwickelte Software und andere Formen der Automatisierung getätigt, um sich in der Industrie 4.0 als Vorreiter zu positionieren und den Wirtschaftsstandort zukunftssicher zu machen. Für Staaten, in denen Innovation keine so große oder überhaupt keine Rolle spielt, besteht das Risiko, hinter der allgemeinen Entwicklung zurückzufallen und dadurch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft hinnehmen zu müssen.

Später Start der Innovation

In mittel- und osteuropäischen Ländern wie Slowenien, der Slowakei, Ungarn und Polen verlief die Einführung der Industrie 4.0 bis jetzt eher langsam. In diesem Kontext ist nach wie vor zu bedenken, dass diese Region erst in den 1990er Jahren den Übergang vom sozialistischen System in die freie Marktwirtschaft vollzog, wobei die Staaten bedeutende Veränderungen an ihrer Infrastruktur vornehmen mussten, damit neue Industriezweige, Arbeitsplätze und Gelegenheiten überhaupt erst geschaffen werden konnten.

Dass im Zuge dieser großangelegten Umstrukturierung in dieser Gruppe von Ländern keine nennenswerten Investitionen in Automatisierung getätigt wurden, könnte sich nun negativ auf die Wirtschaft, die Vermittelbarkeit von Arbeitskräften und den Ruf der gesamten Region auswirken. Wenn jedoch jedes einzelne dieser Länder seine Maßnahmen verstärkt, um die Digitalisierung der Herstellungsbranche zu fördern, die gezielte Ausbildung von Facharbeitern mit den nötigen Fähigkeiten zu verbessern und Innovation in Unternehmen durch interessante Anreize zu unterstützen, können sie das BIP der Region steigern und am europäischen Markt wettbewerbsfähig bleiben.

Was tun diese Länder derzeit, um mit den Vorreitern auf dem Gebiet der Industrie 4.0 Schritt zu halten?

Intelligente Industrie

Der Anteil der Industrie am BIP der Slowakei macht aktuell etwa 25 Prozent aus, und jeder dritte Arbeitsplatz im Land ist der Fertigungsindustrie zuzurechnen. Trotz der wirtschaftlichen Bedeutsamkeit dieses Sektors legt ein Bericht des Weltwirtschaftsforums nahe, dass die Slowakei nicht auf die digitale Transformation vorbereitet ist.

Um das zu ändern und sein Land zu einem Innovator auf diesem Gebiet zu machen, rief der slowakische Wirtschaftsminister 2016 die Smart Industry Platform ins Leben. Die Plattform wurde von deutschen Initiativen zur Förderung von Industrie 4.0 inspiriert und agiert als zentrale Stelle, die die Förderung neuer Infrastruktur und die Übernahme aufstrebender Technologien koordiniert.

Hier haben sich die Industrie, die akademische Fachwelt und die slowakische Regierung zusammengefunden, um ihr jeweiliges Fachwissen auszutauschen und Unternehmen für das Thema Digitalisierung zu sensibilisieren. Um die Wirtschaft zu stärken, konzentriert sich die Plattform auf Zusammenarbeit, Forschung und Entwicklung sowie auf digitale Transformation.

Eine nationale Technologieplattform

Im Index für digitale Wirtschaft und Gesellschaft 2017 (Digital Economy and Society Index, DESI) rangierte Ungarn in Bezug auf seinen digitalen Reifegrad auf Platz 21 von 28 EU-Mitgliedstaaten. Um dies zu ändern und um die Reindustrialisierung des Landes kräftig anzukurbeln, wurde die Nationale Technologieplattform Industrie 4.0 ins Leben gerufen.

Diese Initiative zielt darauf ab, den industriellen Sektor auf Industrie 4.0 vorzubereiten und die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu steigern. Der ungarische Wirtschafts- und Finanzminister Mihály Varga stellte 2016 den Irinyi-Plan vor, der das ambitionierte Ziel verfolgt, in Ungarn bis 2020 einen der am besten entwickelten Industriesektoren innerhalb der EU zu etablieren. Die wichtigsten Zielsetzungen dieses Plans sind die Förderung des Informationsaustauschs, die Beschleunigung der Digitalisierung und die Suche nach konstruktiven Lösungen für sämtlichen Herausforderungen, die Innovation behindern könnten.

Eine digitale Koalition

In Slowenien trafen sich 2016 die wichtigsten Interessengruppen aus den Bereichen Handel, Forschung und Entwicklung und dem öffentlichen Sektor, um die Digitale Koalition zu gründen. Diese Initiative zielt darauf ab, bis 2020 den digitalen Wandel im Land zu beschleunigen.

Dabei liegt der Schwerpunkt einerseits auf der Industrie selbst, und andererseits auf der Verbesserung der Bildung, um die Ausbildung der nächsten Generation innovativer Arbeitskräfte sicherzustellen. Die Digitale Koalition hat in die Verbesserung von Online-Kompetenzen, die Entwicklung digitaler Dienstleistungen und die Verbesserung der Internet-Infrastruktur investiert. Daneben konzentriert sich das Projekt außerdem auf die Entwicklung von Infrastruktur durch die Investition in Big Data, Cloud-Computing und mobile Technologien, die die branchenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und den Aufbau intelligenter Gemeinschaften ermöglichen und unterstützen können.

Der Morawiecki-Plan

Polen ist das sechstgrößte Herstellerland innerhalb der Europäischen Union, und der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt beträgt hier 27 Prozent. Polen gilt bereits heute als innovativ, da sich das Land stark in den Bereichen Forschung und Entwicklung engagiert und da hier eine ganze Reihe von Hightech-Unternehmen aus bedeutenden Branchen wie dem Automobilsektor oder der Lebensmittelherstellung beheimatet sind. Um die weitere Entwicklung der Industrie zu fördern und in der Zukunft eine technologische Vorreiterrolle einzunehmen, hat die polnische Regierung ihre eigene Industrie 4.0-Plattform ins Leben gerufen.

Diese Plattform ist Teil des so genannten Morawiecki-Plans, der 2016 entwickelt wurde und vorsieht, über 25 Jahre hinweg 235 Milliarden Euro zu investieren, um die Lebensqualität in Polen zu steigern. Sie wird aus öffentlichen Geldern finanziert und verfolgt das Ziel, ein stärkeres Bewusstsein für die neuen Möglichkeiten zu schaffen, die sich dank Industrie 4.0 für polnische Unternehmen ergeben können, und die Infrastruktur bereitzustellen, die für die Übernahme dieser Technologien erforderlich ist.

Hersteller, die neue, fortschrittliche Technologien einführen möchten, sollten sich sorgfältig damit auseinandersetzen, wie bereit ihr Land für Industrie 4.0 ist. Fehlende Infrastruktur, Fachkräftemangel oder unzureichende Unterstützung durch lokale Initiativen oder Regierungen können für solche Unternehmen ernstzunehmende Hindernisse für die Digitalisierung darstellen. Wenden sich Unternehmer jedoch an die jeweiligen Behörden und Anlaufstellen und teilen sie dort Ihre Bedürfnisse mit, können sie die notwendige Unterstützung erhalten und gleichzeitig dazu beitragen, dass ihre Region wettbewerbsfähig bleibt.

Auch wenn es in Ihren Augen vielleicht nicht von Bedeutung ist, wo moderne Kontaktlinsen oder Insulin erfunden worden sind, sollte man als Hersteller dennoch im Auge behalten, wie die Entwicklung in diesen Ländern voranschreitet. Die Slowakei, Ungarn und andere Länder in Mitteleuropa tätigen Investitionen in Infrastruktur, Wissen und Technologie, um ihre Wirtschaft zu stärken und sicherzustellen, dass ihre Unternehmen in einer Welt, in der Industrie 4.0 in immer mehr Ländern weltweit umgesetzt wird, wettbewerbsfähig bleiben. Für Unternehmen rund um den Globus kann diese Region durchaus als Vorbild und Inspiration dafür dienen, wie man in die Zukunft investiert.

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