EU Automation
Arbeiten von zu Hause – die neue Normalität?

Arbeiten von zu Hause – die neue Normalität?

Eine 2015 von Virgin Media Business durchgeführte Befragung von Unternehmern prognostizierte, dass bis 2022 60 Prozent aller Innendienstmitarbeiter regelmäßig von zu Hause aus arbeiten werden. Im laufenden Jahr wurde diese Prognose aufgrund der Entwicklungen rund um die globale Krise von der Wirklichkeit eingeholt und vorzeitig übertroffen. Um die Geschäftskontinuität sicherzustellen, wechselte die Mehrheit der Büroangestellten auf Arbeit im Homeoffice. Nun stellt sich die Frage, ob unsere aktuellen Erfahrungen mit Telearbeit darauf hindeuten, dass wir die 2015 diesbezüglich prognostizierten Werte auch weiterhin übertreffen werden.

In diesem Artikel untersucht Alex Darby, Personalchef bei EU Automation, wie Unternehmen mit dieser neuen Ära des Arbeitens umgehen können. 

Besonders in industriellen Branchen konzentrieren sich Unternehmen oft darauf, ihre Produktion so effizient wie nur möglich zu gestalten. 2020 mussten Manager auf der ganzen Welt sich jedoch rasch darauf einstellen, ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen, um während der globalen Krise die Produktivität aufrechtzuerhalten. Für manche Unternehmen war dies die erste Erfahrung mit Telearbeit, andere hingegen erweiterten ihre bereits bestehenden flexiblen Arbeitsrichtlinien. Was können wir nun also aus dieser Krise lernen, und wie können wir dieses Wissen anwenden, um die zukünftigen Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter auf maximale Effizienz auszurichten?

Das tägliche Pendeln zu einem arbeitszeittechnisch traditionell geregelten Büroarbeitsplatz ist nicht die optimale Lösung für jedermann, da es kostenintensiv, stressig und zeitaufwändig sein kann. Mitarbeiter verlangen heute von ihren Arbeitgebern mehr Flexibilität, denn ihrer Meinung nach führt weniger Stress und Zeitverschwendung zu mehr Wohlbefinden und verbessert die Arbeitsleistung. Sie können ihre Arbeitszeiten abhängig von ihren persönlichen Produktivitätsspitzen auswählen, lange Sitzungen durch effiziente Videokonferenzen ersetzen und ein besseres Gleichgewicht zwischen privaten und beruflichen Verantwortlichkeiten erzielen. 

Implementierung

Kommunikation ist die Grundlage jeder Geschäftstätigkeit. Als angesichts der Krise immer mehr Menschen von zu Hause aus zu arbeiten begannen, mussten Unternehmen daher Wege finden, wie sie weiterhin vernetzt bleiben konnten. In diesem Kontext waren Videokonferenz-Plattformen augenscheinlich die beliebteste Lösung – so erlebte beispielsweise Zoom einen Anstieg des täglichen Datenaufkommens um 535 Prozent und berichtete im März 2020 von 200 Millionen Konferenzteilnehmern pro Tag. Ebenso stieg die Anzahl der täglich aktiven Nutzer der Kommunikations-App „Microsoft Teams“ von 20 Millionen aktiven Benutzern im November 2019 auf 44 Million im März 2020.

Langfristig gesehen ist Telearbeit jedoch leichter gesagt, als tatsächlich getan – es braucht schon etwas mehr, als nur die Auswahl einer guten Videokonferenz-Plattform. Unternehmen müssen bedenken, wie ihre Teams aus unterschiedlichsten Umgebungen effizient und sicher Zugriff auf die notwendigen Inhalte bekommen. Die Lösungen dafür sehen für jedes Unternehmen etwas anders aus. Beispielsweise können Mitarbeiter firmeneigene Laptops oder persönliche Geräte verwenden. Arbeitgeber müssen sich überlegen, wie die optimale Umgebung für ihre jeweiligen Teams aussehen könnte. Sollten sie beispielsweise einen Server bereitstellen, auf den ihre Mitarbeiter mittels VPN Zugriff erhalten, sollten sie Daten in einer cloudbasierten Umgebung speichern oder auf gemeinsamen Plattformen wie Google Drive oder Microsoft Teams? 

Werden Büroräume nun obsolet?

Immer mehr Unternehmen integrieren Telearbeit in ihren Arbeitsalltag, und noch nie waren so wenige Menschen zum Arbeiten tatsächlich im Büro anwesend. Das gibt Arbeitgebern die Möglichkeit, die Anzahl verfügbarer Computerarbeitsplätze und damit auch die Fläche der Büroräume zu reduzieren. Allerdings sollten Unternehmen individuelle Computerarbeitsplätze nicht vollständig eliminieren. Telearbeit kann die Produktivität steigern, doch Arbeitgeber sollten sich der Bedeutung gemeinsamer Arbeitsräume für Gruppen bewusst sein.

Auf digitalem Weg kann es schwierig sein, in die Unternehmenskultur einzutauchen und berufliche Beziehungen zu knüpfen. Unternehmen müssen Wege finden, wie sie Arbeitsbereiche so anpassen können, dass sie solche bedeutenden Beziehungen weiterhin ermöglichen und außerdem Kommunikation, Zusammenarbeit sowie Motivation und Bindung der Mitarbeiter fördern. Größere Sitzungsräume beispielsweise bieten Platz für Meetings, Schulungen und sonstige Veranstaltungen, an denen das ganze Team teilnehmen kann. 

Für flexible Räume gibt es unterschiedliche Konzepte: Zum Beispiel den aktivitätsbasierten Raum, in dem Mitarbeiter sich ihren Arbeitsplatz abhängig von ihrer jeweiligen Aufgabe aussuchen, Hotdesking-Räume oder Coworking-Räume, die von mehreren Unternehmen gemeinsam genutzt werden.

„Die Menschen beginnen gerade zu begreifen, dass wir unterschiedliche Arten von Infrastruktur zur Verfügung gestellt bekommen müssen, weil wir nicht den ganzen Tag über immer das Gleiche tun“, erklärt Christhina Candido, außerordentliche Professorin an der University of Sydney und Doktorin der Ingenieurwissenschaften. „In manchen Momenten müssen wir uns an einen bestimmten Ort begeben, um uns zu konzentrieren, und andere Momente können wir problemlos gemeinsam mit Kollegen verbringen. Und dann gibt es natürlich jene Momente, in denen man ganz für sich selbst sein können muss.“ Büroräume sollten so gestaltet sein, dass sie für all diese Ansprüche der Mitarbeiter einen goldenen Mittelweg finden.

Könnte das auch in Produktionsstätten funktionieren?

Manche Aufgaben, speziell in der Herstellung, können nur von menschlichen Arbeitskräften ausgeführt werden, die dafür Maschinen verwenden, welche in der Anlage verbleiben müssen. Diese Unabdingbarkeit menschlicher Mitarbeiter bedeutet auch, dass die Industrie im Vergleich zu anderen Sektoren weniger bereit ist, flexibilisierte Arbeitsmodelle zu übernehmen. 

Der Spezialist für Leistung am Arbeitsplatz, Leesman, veröffentlichte eine Befragung von weltweit mehr als 700.000 Arbeitnehmern zu ihrer Erfahrung mit der Arbeit von zu Hause aus. Von den 52.240 befragten Personen aus dem Fertigungs- und Techniksektor gaben 53 Prozent an, keinerlei Erfahrung mit Telearbeit zu haben. Im Vergleich dazu gaben 52 Prozent der Befragten aus anderen Branchen an, dass sie regelmäßig von zu Hause aus arbeiten oder zumindest etwas Erfahrung mit Telearbeit haben. Kann die Fertigungsindustrie diese neue Arbeitsweise also ebenfalls aufgreifen?

Flexible Technologie

Fabrikarbeiter können ihre Aufgaben zwar nicht alle per Videokonferenz erledigen, doch Werksleiter können durch Investitionen in Technologie die Flexibilität steigern. So ermöglicht beispielsweise Virtuelle Realität (VR) die Zusammenarbeit von Teams aus unterschiedlichen Geschäftsbereichen oder gar aus unterschiedlichen geografischen Regionen. Hersteller könnten VR einsetzen, um Besprechungen abzuhalten, neue Mitarbeiter mithilfe virtueller Maschinen und Werkzeuge zu schulen oder um mehreren Teams an verschiedenen Standorten die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt zu ermöglichen. 

Auch tragbare Technologien („Wearables“) können die Zusammenarbeit zwischen Fabrikarbeitern und dem Führungspersonal verbessern, das von zu Hause aus arbeiten könnte. So können Arbeitgeber beispielsweise auf die Daten der Geräte zugreifen, die von den Mitarbeitern in der Fabrik getragen werden, um sich so von zu Hause aus Überblick über den aktuellen Betrieb zu verschaffen und die Produktivität und Sicherheit der Mitarbeiter sicherzustellen. Darüber hinaus können Fabrikarbeiter Wearables und Augmented Reality (AR) einsetzen, um unmittelbaren Zugriff auf Echtzeitdaten zu erhalten, die sie bei der Ausführung ihrer Aufgaben wie zum Beispiel bei der raschen und präzisen Instandhaltung von Maschinen unterstützen.

Der Arbeitsplatz der Zukunft wird für jeden von uns anders aussehen – für manche Aufgaben und Rollen ist immer noch die Anwesenheit von Menschen in Fabriken und anderen Anlagen erforderlich. Trotzdem sind wir überzeugt, dass alle Unternehmen aus diesen Monaten, als die ganze Welt von zu Hause aus arbeitete, etwas lernen können. In der Steigerung der Flexibilität könnte die Antwort liegen, um auch die Produktivität zu verbessern.

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